Sonntag, 18. Juli 2010

Gewonnen! Gewonnen! Gewonnen! Die Mehrheit der Hamburger will keine Primarschule.

Ole von Beust ist zurückgetreten! Aber wie?

Immer wieder hatte er in der letzten Wochen von seinen Bürgern mehr hanseatische Bescheidenheit im Auftreten und selbstloses soziales Engagement gefordert. Jetzt hätte er die Gelegenheit gehabt, hierin ein Vorbild zu sein.

Doch statt hanseatisch und bescheiden den Bürgern seiner Stadt in der Stunde des von ihnen errungenen Volksentscheids die verdiente Aufmerksamkeit zuzugestehen und ihr Urteil bescheiden abzuwarten, hat sich Ole von Beust kurz vor dem Schließen der Wahllokale ins Scheinwerferlicht gestellt und seinen Abgang verkündet.

"Feige und eitel", so lautet denn auch das deutliche Urteil vieler Hamburger, darunter viele, die sein Charisma einst zu schätzen wußten, die Ole von Beust vertraut haben und ihn gewählt haben. Es gibt auch einige, die seinen Rücktritt bedauern. Doch der Volksentscheid macht deutlich, viele Hamburger fühlen sich betrogen und sind zutiefst enttäuscht, von Ole von Beust und von Politikern, die sich abgekoppelt haben von den Bürgern ihrer Stadt.


Hier sind die Ergebnisse des vorläufigen amtlichen Endergebnisses:


Auszählungsstand
(Stand: 22:50 Uhr)
618 von 618 
AbstimmungsstatistikAnzahl 
Abstimmungsberechtigte1.251.686 
ausgezählte Stimmzettel492.057 
darunter per Brief427.390 
 
Vorlage der Volksinitiative
"Wir wollen lernen!":
AnzahlProzent
Ungültige Stimmen15.6603,2 %
Gültige Stimmen476.397100,0 %
"JA"-Stimmen276.30458,0 %
"NEIN"-Stimmen200.09342,0 %
 
Vorlage der Bürgerschaft:   Anzahl  Prozent
Ungültige Stimmen13.0032,6 %
Gültige Stimmen479.054100,0 %
"JA"-Stimmen218.06545,5 %
"NEIN"-Stimmen260.98954,5 %


Samstag, 17. Juli 2010

Weniger als ein Tag bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Wie es scheint, will Hamburgs Bürgermeister die Entscheidung der Bürger, die er regiert, gar nicht abwarten. Er will kurz vor der Schließung der Wahllokale und auch vor Auszählung der Stimmen zum Volksentscheid zurücktreten. Das Volk, so signalisiert er damit, entscheidet nicht über sein Schicksal, er entscheidet selber.

Die Frage ist, warum tritt Ole von Beust zurück? Was ist schiefgelaufen? Was hat er falsch gemacht?

Eine wichtige Antwort darauf hat uns der Pädagoge, Lehrbeauftragte an der Uni Göttingen und lang­jährige Gesamtschulleiter, Peter Brammer, gegeben. Er wurde in diesem Blog schon vor einigen Tagen erwähnt, im Zusammenhang mit seiner Studie über das verlängerte gemeinsame Lernen in der Orien­tierungs­stufe in Niedersachsen.

In dieser Studie* hatten Brammer u.A. die Folgen der Abschaffung der verlängerten gemeinsamen Lernens in der 5. und 6. Klasse in der sog. Orientierungsschule in Nieder­sachsen untersucht. Diese Orientierungsschule war in Niedersachsen 1980 eingeführt und nach 24 Jahren 2004/5 wieder aufgelöst worden. Peter Brammers kam in seiner Untersuchung zu dem überraschenden Ergebnis, dass das längere gemeinsame Lernen in der 5. und 6. Klasse die Chancengleichheit sogar "verhindert", "gerade für die Schülerklientel, der sie von ihrer bildungspolitischen Intention her zu mehr Chancengleicheit verhelfen soll."

Doch genauso wichtig, wie dieses überraschenden Ergebnis, war dem erfahrenen Pädagogen Peter Brammer etwas anderes: Dies betonte er in seiner Zusammenfassung der Studie und noch einmal in unserem Gespräch über die Primarschulpläne von Ole von Beust und Christa Götsch und den bevor­stehenden Volksentscheid.

Sein Statement gibt einen Hinweis darauf, was Ole von Beust, Christa Götsch und die schwarz grüne Koalition bei ihren Reformplänen falsch gemacht haben!

Lesen Sie den vorletzten Eintrag im Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:

Peter Brammers wichtiger Hinweis auf einen Grundfehler, den Ole von Beust und die Primar­schul­reformer bei ihren Reformplänen gemacht haben:

"Am Beispiel der Entwick­lung der Göt­tinger „Schul­land­schaft“ können wir nach­weisen, dass ein solcher Schul­entwick­lungs­prozess, soll er erfolg­reich sein, in einem dis­kurvsiven ...(das heißt, in einem gleich­berech­tigten, sich gegen­seitig respek­tieren­den Austausch aller Betrof­fenen, also unter Einbeziehung der Eltern!).... Prozess organisiert werden muss. Eine auf Konflikt zielende Schul­entwicklung ist zum Scheitern verurteilt. Sie ist schon in sich wider­sprüchlich."

* siehe dazu auch: P. Brammer, „Eine Schullandschaft in Bewegung – Schulentwicklung in Göttingen- Studie über die weiterführenden Schulen im Sekundarbereich I und II – Stand: Schuljahr 2009-2010)."

Freitag, 16. Juli 2010

Noch zwei Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Es war kein glücklicher Zeitpunkt für Ole von Beust, Christa Götsch und ihre Primarschulpläne. Ausgerechnet 2 Tage vor dem Volksentscheid wurde am Freitag bekannt: Die geplante Erhöhung der Kita Gebühren ist keine Lappalie, wie es nach früheren Kommentaren von Sozialsenator Wersich und Grünenfraktionschef Kerstan schien. Nicht 5 oder gar nur 3 Prozent, sondern sehr viel mehr Eltern müssen künftig den Höchstsatz zahlen: für 17 % in Bergedorf und sogar 29% der Eltern in Nord sind das fast 500 Euro monatlich, 100 Euro mehr als bisher.

"Während die millionenschwere Schulreform von Haushaltszwängen ungetrübt vorangetrieben wird, wird bei den Kleinen zugelangt", schrieb das Abendblat in seinem Kommentar unter dem Titel "politischen Offenbarungseid: Möglicherweise hat der Senat bei den Kita-Gebühren getrickst".

Für viele Eltern, die sich am Sonntag beim Volksentscheid entscheiden sollen, könnten die Kita Gebühren ein wichtiges Argument gegen die teure Einführung der Primarschule werden.

Die wichtigsten Argumente der Primarschulbefürworter, die aus ihrer Sicht für ihre Reform sprechen, wurden in diesem Blog in den letzten zwei Wochen vorgestellt. Punkt für Punkt wurde nachgehakt, mit Statements von Experten, Wissenschaftlern und Praktikerm zu den jeweiligen Argumenten der Reformer. Es zeigt sich: Die Begründung der Reformer beruht im wesentlichen auf zwei Kernargumenten. Um diese geht es heute.

Lesen Sie den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:

Die zwei Hauptargumente, mit denen Christa Götsch, die Bürgerschaft und der schwarz grüne Senat ihre Reform im Wesentlichen begründen, finden sich in ihren Broschüren und Informationstexten. Sie wurden auch bei den vielen Informationsveranstaltungen der Reformer in Variationen immer wieder vorgetragen:

"1. Längeres gemeinsames Lernen schafft bessere Entwicklungsmöglichkeiten

In Hamburg gehen die Kinder bisher nach der 4. Klasse auf die weiterführende Schule. Für viele ist das zu früh, um zeigen zu können, was in ihnen steckt. Durch die spätere Trennung nach der 6. Klasse können Schwächere zukünftig länger den fördernden Einfluss leistungsstärkerer Kinder nutzen. Die Stärkeren wiederum profitieren nachhaltig, indem sie andere durch Erklären oder in der Teamarbeit unterstützen. So bleibt das Gelernte dauerhaft erhalten, weil es genutzt wird. Ein weiterer Vorteil dieser gemischten Lerngruppen: Sie stärken die Fähigkeiten im sozialen Umgang miteinander."

2. Längeres gemeinsames Lernen ist in Europa Standard

Die frühe Trennung nach der 4. Klasse bzw. mit 10 Jahren findet in Europa nur in Deutschland und Österreich statt. ....Die Länder der OCED trennen im Durchschnitt mit 14 Jahren. Die skandinavischen Länder und Spanien verteilen die Schülerschaft erst mit 16 Jahren auf unterschiedliche weiterführende Schulformen. In vielen anderen europäischen Ländern geschieht dies mit 14-15 Jahren. Die Benelux-Staaten trennen mit 12-13 Jahren, die Tschechische und die Slowakische Republik sowie Ungarn mit 11 Jahren"


nachzulesen in:
Argumente für die Schulreform
1. Zum längeren gemeinsamen Lernen
2008 beschrieb der östereichische Pädagogikprofessor Helmut Fend in der ZEIT die überraschenden Ergebnisse einer von ihm ua. durchgeführten Studie zum längeren gemeinsamen Lernen:

Helmut Fend, Fred Berger, Urs Grob (Hrsg.): Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifE-Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 482 Seiten. ISBN 978-3-531-15352-0. 39,90 EUR.


"Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle. ..
Die größte Enttäuschung entsteht beim Blick auf die soziale Selektivität bei den verschiedenen Stufen des Bildungs- und Berufsweges. Sie wird durch Förderstufen oder Gesamtschulen nicht reduziert! Bei ehemaligen Kindern aus Gesamtschulen, Förderstufen und dem dreigliedrigen Bildungswesen bestimmt die soziale Herkunft gleichermaßen mit, welche Schulabschlüsse, Ausbildungen und Berufe sie erreichen."

2. Zu den europäischen Standards.

Die Gerechtigkeit eines Schulsystems, von Schulformen und Stufen muß also, so zeigt Fends Studie, auch nach seiner Wirkung auf Ausbildung und Beruf bewertet werden.
Die Primarschulbefürworter verweisen immer wieder auf die anderen Länder Europas, in denen länger gemeinsam gelernt werde, als in Deutschland. Sind diese Schulsystem auch gerechter in Hinblick auf Fends Studie, also in Hinblick auf die Wirkung auf Ausbildung und Beruf? In diesem Zusammenhang gibt es einen erstaunlichen Befund:

Die Jugendarbeitslosigkeit von jungen Leuten bis 25 Jahren ist in Deutschland eine der niedrigsten in Europa. Schweden dagegen, das von Frau Götsch in Hinblick auf Chancengerechtigkeit immer wieder als beispielhaft bezeichnet wird, gehört zu den europ. Ländern mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit:


Hier einige Beispiele zur Jugendarbeitslosigkeit(15-24J.incl, Mai 2010):
Niederlande:8,1 % 
Deutschland:9,4 %(zweitniedrigster Wert)
Östereich:9,5 % 
Dänemark:12,4 % 
Euroraum insg:19,9 % 
Finnland:22,2 % 
Frankreich:22,6 % 
Belgien:23,8 % 
Schweden:25,9 % 
Irland:26,4 % 
Spanien:40,5 % 
nachzulesen bei EUROSTAT - der Statistik-Service der Europäischen Union

Donnerstag, 15. Juli 2010

Noch drei Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

1:2! Das ist der neueste Stand der Bürgermeistermeinungen im Hamburger Schulstreit. Der frühere Bürgermeister Henning Voscherau hat sich heute in klaren Worten gegen die Primarschulreform von Christa Götsch und Bürgermeister Ole von Beust ausgesprochen. Er widersprach damit auch seinem Altbürgermeister - Kollegen Klaus von Dohnanyi, der seit Wochen in den Medien für die Reformpläne wirbt, der Reformgegner als "Störer" bezeichnet und diese auch heute im Abendblatt wieder heftig attackiert hat.

Niemals dürfe das Staatsziel bestmöglicher Bildung für alle im Gegensatz gebracht werden zu dem individuellen Recht jedes Kindes auf seine bestmögliche Bildung, schrieb H. Voscherau heute im Hamburger Abendblatt. Der Staat habe nicht das Recht, sehr begabten Kindern durch zwei weitere Jahre "zu langsamen Lernens, durch "nervende" Wiederholung, Langeweile, Unterforderung"... nachhaltig zu schaden.

Voscherau beruft sich auf namhafte Wissenschaftler, die die Primarschulpläne kritisiert haben und plädiert dafür, die Bürgerinnen und Bürger, Eltern und Großeltern frei von abwertenden Unterstellungen, "Parolen und Manipulation selbst entscheiden zu lassen, welche Schule es geben soll".

Doch die Befürworter der Primarschule verweisen immer wieder darauf, dass die verlängerte Grundschule in fast allen Ländern Europas üblich und dort seit langem Standard sei. Dazu wird in diesem Blog nachgehakt. Was sagen Wissenschaftler, was haben internationale Vergleiche ergeben?

Lesen Sie den Faktencountdown zum Hamburger Volksentscheid:

6. Kernaussage der Primarschulreformer



Dies schreibt die Schulbehörde unter dem Titel: "Argumente für die Schulreform"

"Längeres gemeinsames Lernen ist in Europa Standard

Die frühe Trennung nach der 4. Klasse bzw. mit 10 Jahren findet in Europa nur in Deutschland und Österreich statt. Aber auch hier nicht überall: Neben Berlin hat auch Brandenburg eine sechsjährige Grundschule und in Österreich gehen zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler zusammen bis zur 8. Klasse zur Schule.

Die Länder der OCED trennen im Durchschnitt mit 14 Jahren. Die skandinavischen Länder und Spanien verteilen die Schülerschaft erst mit 16 Jahren auf unterschiedliche weiterführende Schulformen. In vielen anderen europäischen Ländern geschieht dies mit 14-15 Jahren. Die Benelux-Staaten trennen mit 12-13 Jahren, die Tschechische und die Slowakische Republik sowie Ungarn mit 11 Jahren."
Dazu der in diesem Blog schon früher erwähnte Begabungsforscher Prof. Kurt Heller:
Prof. Dr. Kurt A. Heller, Gründungs­direktor des LMU-Zentrums für Begabungs­forschung Universität (LMU) München,
in einem Vortrag in Hamburg vor vier Wochen sagte er:


"Gerade in Ländern mit staatlichen Gesamt­schulen präferieren viele Eltern „elitäre“ Privatschulen, wobei die Differenzierung bzw. Schul­lauf­bahn­entscheidung oft schon viel früher als in Deutsch­land getroffen werden muss. Pikanter­weise wird diese Option nicht selten von Kritikern gegliederter Schul­systeme für ihre eigenen Kinder bean­sprucht."
auch nachzulesen in "Brauchen wir eine Verlängerung der vierj­ährigen Grund­schule? Ideologische Irr­tümer und wissen­schaftliche Fakten" von Prof. em. Dr. Kurt A. Heller (LMU München):
Zur Erläuterung folgen hier Angaben über den Anteil von Privat­schulen in einer Reihe von OECD Ländern aus dem Jahre 2004
Niederlande:76,4 %
Belgien:56,5 %
Verein. Könbigreich:40,6 %
Spanien:30,4 %
Australien:29,7 %
Frankreich:21,3 %
Korea:16,9 %
Neuseeland:16,5 %
OECD Durchschnitt:15,1 %
Luxemburg:12,4 %
Dänemark:11,9 %
Östereich:7,7 %
Kanada:7,0 %
Deutschland:6,7 %
Schweden:6,0 %
Finnland:5,2 %
entnommen aus einer OECD Tabelle, zitiert im Aufsatz "Privatschulen in Deutschland" von Michael Hüther, Katholischen Schulstiftung Freiburg

Mittwoch, 14. Juli 2010

Noch vier Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Heute hat ein weiterer Bildungsforscher, Volker Ladenthien von der Uni Bonn, öffentlich die Hamburger Primarschulpläne kritisiert. Es gäbe in der 4. Klasse schon deutliche Leistungsunterschiede, die bis Klasse 6 "rapide" anstiegen, erklärte Prof. Ladenthien in der Frankfurter Rundschau. Man müsse daher die Schüler in Lerngruppen trennen, um sie nach Leistung und Neigung richtig zu fördern. Dies sei auch ein "Selektieren", nur nach außen weniger erkennbar. "Die Kinder bemerken sie gleichwohl - und entwickeln Neid. Klassengemeinschaft ade!" kritisiert Ladenthin.

Für Spätentwickler ua. gebe die sechsjährige Grundschule zwar Aufschub für weitere Entscheidung und Einsicht. Leistungsstarke würden jedoch zurückgehalten, für sie gäbe es bei längerem gemeinsamen Unterricht nicht genügend Herausforderungen, sie würden nicht genügend gefördert.

Doch Christa Götsch und der schwarz-grüne Senat verweisen immer wieder auf andere Länder. Fast überall werde länger gemeinsam gelernt, sagen sie, und begründen damit ihre Primarschulpläne.

Doch sind die Länder mit längerem gemeinsamen Lernen auch besser? Was ergeben Vergleichstests? Damit Sie sich selbst ein Bild machen können, wird hier heute noch einmal nachgehakt:

Lesen Sie den Faktencountdown zum Hamburger Volksentscheid:


6. Kernaussage der Primarschulreformer


Dies schreibt die Schulbehörde unter dem Titel: "Argumente für die Schulreform"
 

"Bei den Leistungen ihrer Schülerschaft schneiden viele Bundesländer deutlich besser ab als Hamburg. Bei den Bildungschancen jedoch sind sie international nur Durchschnitt. In Hamburg werden mit der Schulreform die Leistungen und die Chancen gleichermaßen erhöht."

nachzulesen in:
 
Argumente für die Schulreform
Dazu die Ergebnisse des neuesten Bildungsberichts vom Juni, dem Nachfolger der Pisatests. In diesem Ländervergleich wurde u.a. die Frage der Chancengerechtigkeit untersucht, also des Zusammenhangs von Kompetenzen und sozialer Herkunft in allen Bundesländern. Man spricht dabei von "sozialen Disparitäten", gemeint sind damit Abweichungen bei den Leistungen der Schüler, die sich durch die soziale Herkunft ergeben. Besonders interessant die Ergebnisse der Länder, die bereits die sechsjährige Grundschule haben. Es ging um Lesen, Zuhören und Orthographie im Fach Deutsch:

"Im Kompetenzbereich Lesen liegen die in den Ländern Brandenburg, Hamburg, Berlin und Bremen erzielten Leseleistungen signifikant unter dem deutschen Mittelwert...
Im Kompetenzbereich Zuhören ....Die in den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Schleswig-Holstein, Thüringen,dem Saarland, Brandenburg sowie in den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen erzielten Leistungen liegen ...statistisch signifikant unter dem deutschen Mittelwert..
Bei Berlin zeigt in beiden Kompetenzbereichen die stärksten Disparitäten. (Chancenungerechtigkeit) Über 16 Prozent im Lese- und 15 Prozent im Zuhören können durch die soziale Herkunft der Eltern erklärt werden...
Signifikante Abweichungen ....nach unten ergeben sich für Brandenburg im Lesen und für Sachsen und Schleswig-Holstein im Zuhören."
Auch nachzulesen in: "Sprachliche Kompetenzen im Ländervergleich" eine Studie der Humbold Universität Berlin

Dazu heute die ZEIT in: "Der Glaubenskrieg. Sollen Schüler länger gemeinsam lernen? So will es die Politik in Hamburg und NRW. Der Schaden wäre groß"

"Das »längere gemeinsame Lernen« werde, so die Überzeugung seiner Unterstützer – ... mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. Allein - es gibt keinen Beleg dafür, dass dieses Ziel durch längeres gemeinsames Lernen erreicht wird. ... Die Niederlande und Belgien etwa verfügen über eine sechsjährige Grundschule und sind, wie die Pisa-Studie zeigt, sozial noch ungerechter als Deutschland. Und welches Bundesland zeigte sich bei dem jüngsten Ländervergleich der Schülerleistungen als das ungerechteste? Es war Berlin, wo die Kinder sechs Jahre lang gemeinsam die Grundschule besuchen. Dort ist die Leseleistung der Schüler, wie es die Bildungsforscher formulieren, am stärksten an ihre soziale Herkunft gekoppelt."

Professor Volker Ladenthin,s.o., ist Bildungsforscher. Er lehrt Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.

Noch fünf Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Viele Hamburger haben sich ausgerechnet: Heute war der letzte Tag, an dem man bei der Briefwahl noch sicher mit einem rechtzeitigen Eintreffen der Abstimmungsbriefe bei den Bezirksämtern rechnen konnte. Doch der Wahlkampf in den Medien und auf der Straße geht weiter. Bis zuletzt wird um jede Stimme geworben. Denn am Sonntag haben die Hamburger Gelegenheit, in 201 Wahllokalen persönlich wählen zu gehen. Erst dann, am 18. Juli um 18 Uhr schließen die Wahllokale, dann beginnt die Auszählung.

Die Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigte kann also noch immer entscheiden, welche Schule aus ihrer Sicht die bessere ist: Die vierjährige Grundschule oder die sechsjährige Primarschule.

Die Befürworter der Primarschule verweisen in ihren Begründungen immer wieder auf Schulen und Vergleichsdaten anderer Länder. In diesem Blog wird nachgehakt: Was haben die jüngsten Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern ergeben? Und was sagen Experten, Wissenschaflter und Praktiker dazu?

Lesen Sie den Faktencountdown zum Hamburger Volksentscheid:


6. Kernaussage der Primarschulreformer

Dazu erklärte der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger:
 
Dies schreibt die Schulbehörde unter dem Titel: "Argumente für die Schulreform"
 

"Bei den Leistungen ihrer Schülerschaft schneiden viele Bundesländer deutlich besser ab als Hamburg. Bei den Bildungschancen jedoch sind sie international nur Durchschnitt. In Hamburg werden mit der Schulreform die Leistungen und die Chancen gleichermaßen erhöht."
 




nachzulesen in:
 
Argumente für die Schulreform
In ihren Informations­veranstaltungen beziehen sich die Primar­schul­befü­rworter immer wieder auf Pisa 2006. In dieser Pisa­untersuchung gab es es erstmals auch einen Vergleich zwischen Bundes­ländern zu der Frage, inwie­weit sich der Zusammen­hang zwischen sozialer Herkunft und Bildungs­erfolg, also die Bildungs­gerech­tigkeit in Deutsch­land in der Zeit zwischen Pisa 2000 und Pisa 2006 verändert hat?

“Ein Blick auf das einzige Bundes­land, das in diesem Zeit­raum eine verpflichtende sechs­jährige Grund­schule einge­führt hatte, Branden­burg, fördert Erstaunliches zutage. Nicht nur, dass sich in Branden­burg der Zusammen­hang zwischen sozialer Schicht und Bildung­serfolg ... im Berichts­zeitraum ’signifikant’ erhöht hat, auch in der Lese­kompetenz konnte eine ‘tendenzielle Zunahme der sozialen Unter­schiede’ festge­stellt werden. Das Autoren­team um Prof. Baumert stellt in dieser Vergleichs­untersuchung außerdem fest, dass sich deutsch­land­weit lediglich in Branden­burg der ‘Gymnasial­anteil für Schülerinnen und Schüler der oberen Dienst­klasse statistisch bedeutsam erhöht’ habe. In keinem Bundes­land mit vier­jähriger Grund­schule liegt außerdem die Gymnasial­beteiligung von Ober­schicht­kindern so hoch wie in Brande­nburg, nämlich bei 63 Prozent"

Die Chance eines Arbeiter­kindes im Vergleich zu Kindern aus der oberen Dienst­klasse, das Gymnasium zu besuchen, sei dagegen in Branden­burg besonders schlecht. Die soziale Chancen­gerech­tigkeit habe sich in den Jahren 2000 bis 2006 in einem "Negativ­rekord" verschlechtert, erklärte Meidunger. Er folgerte:

"....Auch wenn es sicher unzulässig ist, die Zunahme der Bildungs­ungerech­tigkeit in Branden­burg allein auf die längere Grund­schulzeit zu schieben, welche viele bildungs­interessierte Eltern offen­sichtlich dazu antreibt, sich noch intensiver um den Bildungs­erfolg ihrer Kinder zu kümmern, kann man doch fest­stellen, dass eine längere Grundschulzeit in Deutschland keinerlei positiven Effekte hinsichtlich mehr sozialer Chancen­gerech­tigkeit bzw. größerer Leistungs­stärke hat. Im Gegen­teil: Die soziale Schere geht weiter auf! Branden­burg mit seiner längeren Grund­schul­zeit ist das schwarze Schaf in Sachen Bildungs­gerech­tigkeit in Deutschland.”

Montag, 12. Juli 2010

Noch 6 Tage: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Presseberichte im Stakkatotakt: Fast täglich diskutieren jetzt Befürworter und Gegner der Hamburger Schulreform in Hörfunk und Fernsehen, politische Magazine und Zeitungen beleuchten die Hintergründe. Der Volksentscheid erregt in ganz Deutschland Aufmerksamkeit, denn auch in anderen Bundesländern werden Schulreformen vorbereitet. Auch dort geht es um die Einführung verschiedener Formen längeren gemeinsamen Lernens, von fünf Jahren bis hin zu Vollzeit-Gemeinschaftsschulen.

In Hamburg trafen derweil übers Wochenende 10 000 neue Abstimmungsbriefe ein, insgesamt sind es jetzt rund 385 000.

Doch noch immer diskutieren die Hamburger auf Märkten, an Bäckertresen oder in Freundeskreisen, wie sie sich beim Volksentscheid entscheiden sollen. Wissenschaftler und CDU/CSU Politker außerhalb Hamburgs haben sich gegen die Primarschule ausgesprochen. Hamburger Politiker mit Ausnahme der FDP werben dagegen massiv dafür. Ein wichtiger Vorteil der Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre, so versprechen sie: Nach sechs Jahren sei es für Lehrer leichter, eine Empfehlung auszusprechen, welche Schule ein Kind künftig besuchen solle. Das Gymnasium oder die im Herbst ebenfalls neu startende Stadtteilschule.

Stimmt das? Was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker. Wir haben nachgehakt.

Lesen Sie dazu den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:


5. Kernaussage der Primarschulreformer

Professor Kurt Heller, Gründungsdirektor des Zentrums für Begabungsforschung der Universität (LMU) München
 
Dies behauptet die Bürger­schaft in der Wahl­broschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volks­entscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellung­nahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt:


"Nach der 6. Klasse entscheiden weiterhin die Eltern über den Werdegang ihrer Kinder. Das Elternwahlrecht bleibt erhalten. Die Schule gibt lediglich eine Empfehlung aus, die aber deutlich verlässlicher ist als nach den bisherigen 4 Grundschuljahren."
 

nachzulesen in:
 
Stellungnahme der Bürgerschaft,
zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen":
Stellungnahme der Initiatoren
Mitte Juni hielt Begabungsforscher Prof. Dr. Kurt A. Heller in Hamburg einem Vortrag* zu der Frage, ob wissenschaftliche Gründe für eine Verlängerung der Grundschule sprechen.
Es ging auch darauf ein, ob die Empfehlung von Lehrern für weiterführende Schulen nach sechs Jahren sicherer sei, als nach vier Jahren. So faßt er die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen:


"Die immer wieder aufgewärmte Behauptung, dass bei vielen Kindern aus entwicklungs­psychologischen Gründen eine Eignung für das Gymnasium, die Real- oder Hauptschule erst im 5./6. Schuljahr fest­stellbar sei, entbehrt jeder empirischen Grund­lage.
Mithin ist es ... falsch zu behaupten, Schul­eignungs­prognosen seien am Ende der vierten Jahrgangs­stufe weniger treff­sicher als nach der sechsten.
Sowohl nach älteren Längs­schnitt­studien in Baden-Württemberg (Heller et al., 1978) als auch den Erhebungen in Salzburg (Gamsjäger & Sauer, 1996; Sauer & Gamsjäger, 1996) oder jüngstens in Berlin (Lehmann & Lenkeit, 2008) und Hessen (Fend, Berger & Grob, 2009) sind Schul­eignungs­prognosen am Ende der 4. Jahr­gangs­stufe allein aufgrund der Schul­noten (Lehrer­urteile) für das obere und untere Leistungs­drittel relativ zu­ver­lässig und gültig. Für das mittlere Leistungs­drittel kann die Eignungfeststellung mit Hilfe von Begabungs- und Leistungs­tests im Einzelfall darüber hinaus noch verbessert werden. Keine Studie lieferte bisher wissenschaftliche Belege für diese zweite Behauptung. Zum gleichen Ergebnis kommen die Autoren der umfang­reichen SCHOLASTIK-Studie (Weinert & Helmke, 1997)."

* ähnlich nachzulesen in einem früheren Vortrag