Donnerstag, 8. Juli 2010

Noch 10 Tage: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Der Hamburger Schulstreit spitzt sich weiter zu. Als "Störer" bezeichnete gestern im NDR der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi die Hamburger, die sich im Volksentscheid gegen die Einführung der Primarschule einsetzen. Diese Reform sei nun einmal von allen Politkern aller Parteien in der Bürgerschaft beschlossen, erklärte er. Klaus von Dohnanyi gehört zu den Befürwortern der Schulreform. Diese werben für Christa Götsch und den schwarz-grünen Senat mit dem Versprechen, die Primarschule bringe mehr Chancengerechtigkeit. Doch stimmt das auch. Bringt eine Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre wirklich Vorteile für unsere Kinder?

In diesem Blog wollen wir das überprüfen. Tag für Tag werden wir bei Kernaussagen der Schulreformer nachhaken. Was sind Versprechen, was sind Fakten? Was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker.


Heute geht es um die Frage der Chancengleichheit und Gerechtigkeit.

Lesen Sie den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:
 

3. Kernaussage der Primarschulreformer:


Dies behauptet die Bürgerschaft in der Wahlbroschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volksentscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellungnahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt:

"Das Herzstück einer Schule mit Zukunft ist längeres gemeinsames Lernen. Eine bessere Schule für mehr Gerechtigkeit."

nachzulesen in:
Stellungnahme der Bürgerschaft,
zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen":
Stellungnahme der Initiatoren
Dazu hat uns der Pädagoge und Lehrbeauftragte am pädaogogischen Institut der Universität Göttingen, Peter Brammer, überraschende Ergebnisse einer neuen Studie zugeschickt. Gefragt wurde darin: Was waren die Folgen der Abschaffung des verlängerten gemeinsamen Lernens in der 5. und 6. Klasse in der sog. Orientierungsstufe in Niedersachsen? Überraschend sind die Ergebnisse vor allen in Hinblick auf die Frage von Chancengleichheit und Gerechtigkeit.

Die Orientierungsstufe wurde in Niedersachsen 1980 eingeführt und nach 24 Jahren 2004/5 wieder aufgelöst. In der Studie wird nun untersucht, welche weiterführenden Schulen Eltern und Schüler in den 6 Jahren seit dieser Auflösung der Orientierungssrufe gewählt haben. Und zwar am Beispiel der Stadt Göttingen und umgebender Landkreise.

Die spannende Frage dabei: Hatte das Folgen für die Chancengerechtigkeit und in Hinblick auf eine Benachteiligung von Schülern? Und: Wie hat sich das Ende des verlängerten gemeinsamen Lernens in der 5. und 6. Klassen auf Gesamtschulen und Gymasien ausgewirkt?
Peter Brammer, ua. auch langjähriger Leiter einer Modellgesamtschule, hat das Ergebnis so zusammengefaßt:


"Die Gymnasien und die Gesamtschulen sind die großen Gewinner dieser schulpolitischen Maßnahme. (=Abschaffung des gemeinsamen Lernens in Kl. 5 und 6 in der sogenannten Orientierungsstufe)
Gewinner sind aber auch alle Schüler, die nach der Auflösung der Orientierungsstufe mehr als zu Zeiten der Orientierungsstufe die Gymnasien und die Gesamtschulen besuchen.

....Verglichen mit dem Wechsel aus den 6. Klassen der OST (=Orientierungsstufe) wechseln seit dem Schuljahr 2004/05 im statistischem Durchschnitt ... jährlich 14,1% .... aus der 4. Grundschulklasse mehr auf die Gymnasien.
Die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit um zwei Jahre in der OST hat also – gegen alle Erwartungen und bisherige Annahmen bzw. Behauptungen – im statistischem Durchschnitt 14,1 % der Schüler davon abgehalten, auf das Gymnasium zu wechseln."


Zusammenfassend können wir also festhalten:

"Die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit um zwei Jahre in einer eigenständigen Schulform, die lediglich die Klassen 5. und 6. einschließt, verstärkt die Auslesefunktion des gegliederten Schulsystems und verhindert dadurch Chancengleichheit gerade für die Schülerklientel, der sie von ihrer bildungspolitischen Intention her zu mehr Chancengerechtigkeit verhelfen wollte."