In Hamburg trafen derweil übers Wochenende 10 000 neue Abstimmungsbriefe ein, insgesamt sind es jetzt rund 385 000.
Doch noch immer diskutieren die Hamburger auf Märkten, an Bäckertresen oder in Freundeskreisen, wie sie sich beim Volksentscheid entscheiden sollen. Wissenschaftler und CDU/CSU Politker außerhalb Hamburgs haben sich gegen die Primarschule ausgesprochen. Hamburger Politiker mit Ausnahme der FDP werben dagegen massiv dafür. Ein wichtiger Vorteil der Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre, so versprechen sie: Nach sechs Jahren sei es für Lehrer leichter, eine Empfehlung auszusprechen, welche Schule ein Kind künftig besuchen solle. Das Gymnasium oder die im Herbst ebenfalls neu startende Stadtteilschule.
Stimmt das? Was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker. Wir haben nachgehakt.
Lesen Sie dazu den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:
5. Kernaussage der Primarschulreformer | Professor Kurt Heller, Gründungsdirektor des Zentrums für Begabungsforschung der Universität (LMU) München |
| Dies behauptet die Bürgerschaft in der Wahlbroschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volksentscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellungnahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt: "Nach der 6. Klasse entscheiden weiterhin die Eltern über den Werdegang ihrer Kinder. Das Elternwahlrecht bleibt erhalten. Die Schule gibt lediglich eine Empfehlung aus, die aber deutlich verlässlicher ist als nach den bisherigen 4 Grundschuljahren." nachzulesen in: Stellungnahme der Bürgerschaft, zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen": Stellungnahme der Initiatoren | Mitte Juni hielt Begabungsforscher Prof. Dr. Kurt A. Heller in Hamburg einem Vortrag* zu der Frage, ob wissenschaftliche Gründe für eine Verlängerung der Grundschule sprechen. Es ging auch darauf ein, ob die Empfehlung von Lehrern für weiterführende Schulen nach sechs Jahren sicherer sei, als nach vier Jahren. So faßt er die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen: "Die immer wieder aufgewärmte Behauptung, dass bei vielen Kindern aus entwicklungspsychologischen Gründen eine Eignung für das Gymnasium, die Real- oder Hauptschule erst im 5./6. Schuljahr feststellbar sei, entbehrt jeder empirischen Grundlage. Mithin ist es ... falsch zu behaupten, Schuleignungsprognosen seien am Ende der vierten Jahrgangsstufe weniger treffsicher als nach der sechsten. Sowohl nach älteren Längsschnittstudien in Baden-Württemberg (Heller et al., 1978) als auch den Erhebungen in Salzburg (Gamsjäger & Sauer, 1996; Sauer & Gamsjäger, 1996) oder jüngstens in Berlin (Lehmann & Lenkeit, 2008) und Hessen (Fend, Berger & Grob, 2009) sind Schuleignungsprognosen am Ende der 4. Jahrgangsstufe allein aufgrund der Schulnoten (Lehrerurteile) für das obere und untere Leistungsdrittel relativ zuverlässig und gültig. Für das mittlere Leistungsdrittel kann die Eignungfeststellung mit Hilfe von Begabungs- und Leistungstests im Einzelfall darüber hinaus noch verbessert werden. Keine Studie lieferte bisher wissenschaftliche Belege für diese zweite Behauptung. Zum gleichen Ergebnis kommen die Autoren der umfangreichen SCHOLASTIK-Studie (Weinert & Helmke, 1997)." * ähnlich nachzulesen in einem früheren Vortrag |