Montag, 12. Juli 2010

Noch 6 Tage: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Presseberichte im Stakkatotakt: Fast täglich diskutieren jetzt Befürworter und Gegner der Hamburger Schulreform in Hörfunk und Fernsehen, politische Magazine und Zeitungen beleuchten die Hintergründe. Der Volksentscheid erregt in ganz Deutschland Aufmerksamkeit, denn auch in anderen Bundesländern werden Schulreformen vorbereitet. Auch dort geht es um die Einführung verschiedener Formen längeren gemeinsamen Lernens, von fünf Jahren bis hin zu Vollzeit-Gemeinschaftsschulen.

In Hamburg trafen derweil übers Wochenende 10 000 neue Abstimmungsbriefe ein, insgesamt sind es jetzt rund 385 000.

Doch noch immer diskutieren die Hamburger auf Märkten, an Bäckertresen oder in Freundeskreisen, wie sie sich beim Volksentscheid entscheiden sollen. Wissenschaftler und CDU/CSU Politker außerhalb Hamburgs haben sich gegen die Primarschule ausgesprochen. Hamburger Politiker mit Ausnahme der FDP werben dagegen massiv dafür. Ein wichtiger Vorteil der Verlängerung der Grundschule um zwei Jahre, so versprechen sie: Nach sechs Jahren sei es für Lehrer leichter, eine Empfehlung auszusprechen, welche Schule ein Kind künftig besuchen solle. Das Gymnasium oder die im Herbst ebenfalls neu startende Stadtteilschule.

Stimmt das? Was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker. Wir haben nachgehakt.

Lesen Sie dazu den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:


5. Kernaussage der Primarschulreformer

Professor Kurt Heller, Gründungsdirektor des Zentrums für Begabungsforschung der Universität (LMU) München
 
Dies behauptet die Bürger­schaft in der Wahl­broschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volks­entscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellung­nahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt:


"Nach der 6. Klasse entscheiden weiterhin die Eltern über den Werdegang ihrer Kinder. Das Elternwahlrecht bleibt erhalten. Die Schule gibt lediglich eine Empfehlung aus, die aber deutlich verlässlicher ist als nach den bisherigen 4 Grundschuljahren."
 

nachzulesen in:
 
Stellungnahme der Bürgerschaft,
zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen":
Stellungnahme der Initiatoren
Mitte Juni hielt Begabungsforscher Prof. Dr. Kurt A. Heller in Hamburg einem Vortrag* zu der Frage, ob wissenschaftliche Gründe für eine Verlängerung der Grundschule sprechen.
Es ging auch darauf ein, ob die Empfehlung von Lehrern für weiterführende Schulen nach sechs Jahren sicherer sei, als nach vier Jahren. So faßt er die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen:


"Die immer wieder aufgewärmte Behauptung, dass bei vielen Kindern aus entwicklungs­psychologischen Gründen eine Eignung für das Gymnasium, die Real- oder Hauptschule erst im 5./6. Schuljahr fest­stellbar sei, entbehrt jeder empirischen Grund­lage.
Mithin ist es ... falsch zu behaupten, Schul­eignungs­prognosen seien am Ende der vierten Jahrgangs­stufe weniger treff­sicher als nach der sechsten.
Sowohl nach älteren Längs­schnitt­studien in Baden-Württemberg (Heller et al., 1978) als auch den Erhebungen in Salzburg (Gamsjäger & Sauer, 1996; Sauer & Gamsjäger, 1996) oder jüngstens in Berlin (Lehmann & Lenkeit, 2008) und Hessen (Fend, Berger & Grob, 2009) sind Schul­eignungs­prognosen am Ende der 4. Jahr­gangs­stufe allein aufgrund der Schul­noten (Lehrer­urteile) für das obere und untere Leistungs­drittel relativ zu­ver­lässig und gültig. Für das mittlere Leistungs­drittel kann die Eignungfeststellung mit Hilfe von Begabungs- und Leistungs­tests im Einzelfall darüber hinaus noch verbessert werden. Keine Studie lieferte bisher wissenschaftliche Belege für diese zweite Behauptung. Zum gleichen Ergebnis kommen die Autoren der umfang­reichen SCHOLASTIK-Studie (Weinert & Helmke, 1997)."

* ähnlich nachzulesen in einem früheren Vortrag