Sonntag, 11. Juli 2010

Noch 7 Tage: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Nachdem in den letzten Tagen ehemalige und jetzige Bürgermeister mit heftigen Angriffen gegen die Gegner der Primarschulreform in Hamburg von sich reden machten, sorgten am Sonntag CDU/CSU Politiker aus ganz Deutschland mit heftiger Kritk an der Hamburger Schulreform für Schlagzeilen. Sachsens Kultusminister Roland Wöller forderte einen Stopp der Reform. Die Kultusminister von Bayern und Baden Würthemberg forderten, Schluß mit immer neuen Reformen zu machen und das Gymnasium nicht weiter zu kürzen. Christa Götsch erklärte derweil, auch nach einer Ablehnung der Primarschule beim Volksentscheid im Amt bleiben zu wollen. Und Ole von Beust überlegt sogar öffentlich, noch einmal zur Wahl anzutreten.

Doch zu Beginn der letzen Woche vor dem Volksentscheid haben sich viele Hamburger immer noch nicht entschieden: Was ist besser für die Kinder, die vierjährige Grundschule oder das sechsjährige gemeinsame Lernen? In diesem Blog haken wir nach. Was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker?

Noch einmal geht es heute um das "individualisierte Lernen", also jene neue "Lernkultur", die die Primarschule, so die Schulreformer, von bisherigen sechsjährigen Grundschulen anderer Länder unterscheiden soll.

Lesen Sie dazu den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:


4. Kernaussage der Primarschulbefürworter

Dazu der Pädagoge und Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung Christian Ebel unter dem Titel "Frontalunterricht? Dogmatismus unangebracht!" auf de Website Vielfalt-Lernen.de der Bertelsmannstiftung.
 
Dies behauptet die Bürger­schaft in der Wahl­broschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volks­entscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellung­nahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt:


"Um Unter- und Überforderung in den ersten 6 Jahren zu verhindern, wird jedes Kind nach seinen Talenten gefördert. Der Schlüssel dazu lautet indivi­dualisiertes Lernen: Alle Kinder lernen selbst­ständiger und weniger im Frontal­unterricht. So bleibt den Lehr­kräften auch mehr Zeit für die Einzel­betreuung."


nachzulesen in:
Stellungnahme der Bürgerschaft,
zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen":
Stellungnahme der Initiatoren
Seit 2004 ist Christian Ebel Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung. Im Projekt “Heterogenität und Bildung” unterstützt er u. a. den Erfahrungsaustausch und die Vernetzung von Lehrerinnen und Lehrern und sorgt für die Verbreitung von guten Beispielen für individuelle Förderung.

"In seinem Blog PISA-Versteher hat Christian Füller* neulich zur Diskussion darüber eingeladen, ob und wie sinnvoll Frontalunterricht heutzutage eigentlich noch sei. Aufhänger war für ihn Michael Feltens neues Buch “Auf die Lehrer kommt es an”, wo bereits in der Verlagsankündigung behauptet wird, dass sich “steuernde Lehrformen der offenen Pädagogik als vielfach überlegen” erweisen. Mir scheint es fast, als suche Füller hier lediglich einen schönen Gesprächsanlass, der die Leserschaft seines Blogs in der erhofften Weise polarisieren soll. Aber die Welt ist nun mal nicht schwarz-weiß und so lassen sich meines Erachtens auch nicht Frontalunterricht und offene Unterrichtsformen gegeneinander ausspielen. Bereits in der Lehrerausbildung wird für einen ausgewogenen “Methodenmix” plädiert – und diese Empfehlung hat auch für einen Unterricht, der auf individuelle Förderung und eine neue Lernkultur ausgerichtet ist, noch ihre Daseinsberechtigung: Lehrende sind sowohl Instrukteure und Wissenvermittler als auch Berater, Mitgestalter, Lerncoaches – dies hängt von der jeweiligen Unterrichts- bzw. Lernphase ab. Man kommt nicht umhin, an dieser Stelle Helmke zu zitieren: Guter Unterricht ist “niemals dogmatisch, folgt niemals starren methodischen Prinzipien, sondern stellt immer eine Balance dar” (Helmke 2009: 384) Entscheidend ist, dass der Unterricht vom Schüler her gedacht wird und dass die Lehrkraft jede Gelegenheit zu ihrer Aktivierung und Ermutigung nutzt."

* Christian Paul Füller, bekannter Befürworter der Primarschulreform, Jorunalist bei ua. Zeit, Süddeutscher, TAZ, Autor päd. Fachbücher, zB. "die Gute Schule", Pattloch 2009