In ganz Hamburg trifft man am Sonnabend Vormittag Bürger, die sich für Hamburgs Schulen einsetzen. An Märkten, Einkaufszentren, S- und U-Bahnhöfen stehen sie zu zweit oder in Gruppen: Engagierte Gegner und Befürworter der Schulreform, die FDP engagiert sich gegen die Reform, die Bürgerschaftsparteien dafür. Doch so erfreulich dieses Engagement ist, wird es doch von unangenehm abwertenden Kommentaren überschattet, mit denen gerade in den letzten Tagen Hamburger Politiker, frühere oder derzeitige Bürgermeister, sich über all die Bürger äußern, die anders denken, als die Polikter es wünschen.
Bei den Gesprächen auf den Märkten und auf der Straße wird deutlich: Viele Hamburger sind immer noch unsicher. Ist die Primarschule wirklich, wie Reformbefürworter versichern, die bessere Schule? In Brandenburg oder Niedersachsen hat das verlängerte gemeinsame Lernen in Kl. 5 und 6 keine Vorteile gebracht, sogar Nachteile für benachteiligte Schüler wurden nachgewiesen. Das erklären Autoren verschiedener Studien und andere Fachleute.
Doch Christa Götsch erklärt: In Hamburg wird alles anders. An der Primarschule wird anders unterrichtet. Nicht mehr im Fronataluntericht, sondern im "Individualisierten Lernen". In kleinen und großen Gruppen sollen sich dabei die Schüler, Schwächere wie Stärkere, vorwiegend selber den Stoff erarbeiten. Stärkere Schüler sollen Schwächeren den Stoff erklären. Der Lehrer bereitet die Aufgaben vor. Er unterrichtet nicht frontal und gibt keine feste Unterrichts-Struktur vor, sondern begeleitet und berät einzelne Gruppen. So erklären Lehrer in Fortbildungen interessierten Eltern das vorgesehene "Individualisierte Lernen".
Doch was sagen Experten, Wissenschaftler und Praktiker dazu? Funktioniert dies wirklich. Ist das für alle Lehrer und Schüler der bessere Unterricht?
Lesen Sie den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:
4. Kernaussage der Primarschulreformer | Vor zwei´Tagen erschien zum Thema "individualisiertes Lernen" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel des bekannten Autoren und Pädagogen Michael Felten. |
| Dies behauptet die Bürgerschaft in der Wahlbroschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volksentscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellungnahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt: "Um Unter- und Überforderung in den ersten 6 Jahren zu verhindern, wird jedes Kind nach seinen Talenten gefördert. Der Schlüssel dazu lautet individualisiertes Lernen: Alle Kinder lernen selbstständiger und weniger im Frontalunterricht. So bleibt den Lehrkräften auch mehr Zeit für die Einzelbetreuung." nachzulesen in: Stellungnahme der Bürgerschaft, zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen": Stellungnahme der Initiatoren | Michael Felten ist Gymnasiallehrer und Autor pädagogischer Fachbücher und Unterrichsmaterialien, ua. des Buches „Auf die Lehrer kommt es an! Für eine Rückkehr der Pädagogik in die Schule“. Gütersloh 2010. "Für die lehrerbefreiten Primaner ... geriet die erhoffte Idylle bald zum Albtraum - sie konnten ihren Wissensstand zwischenzeitlich nur schwer einschätzen und gerieten in Dauerstress. Eines ist besonders pikant: Dass die pädagogische Selbstlerneuphorie zu Lasten gerade der schwächeren Schüler geht. Strukturarmer Unterricht benachteiligt nämlich Kinder aus bildungsferneren Schichten in besonderem Maße: Sie entstammen einem kulturellen Milieu, in dem Selbstbestimmung eher wenig gilt - insofern bedürfen sie eines direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und ermutigenden Unterrichts, um die immense Kluft zwischen Herkunft und Zukunft zu überbrücken. Aber nicht nur Unterschichtskindern erwachsen Probleme aus dem schulischen Selbständigkeitstrend. Psychoanalytiker wie Neurobiologen kritisieren am lehrerarmen Lernen etwas Prinzipielles: Dass es die Heranwachsenden des menschlichen Gegenübers beraube und damit oft genug Überforderung und Verarmung zugleich sei. Der Mensch motiviert den Mensch Die Person des bildenden Erziehers verkörpert in einer Weise Echo, Ermutigung und Herausforderung, wie dies ein Arbeitsblatt oder ein Aufgabenkatalog - oder auch ein gleichaltriger Mitschüler - niemals leisten könne. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der Mensch, so Joachim Bauer, der das Phänomen der Spiegelneuronen populär machte." Und in dem Artikel "Was ist guter Unterricht? erklärte er schon am 3.1.2007 im Kölner Stadt-Anzeiger: "Mittlerweile präsentiert die empirische Unterrichtsforschung indes eine Reihe solider Befunde: Zunächst einmal hängt der Lernzuwachs stärker davon ab, wie gut die Vorkenntnisse sind, als davon, welche Lehrmethode verwendet wird. Und im Unterricht selbst sind weder Dogmatismus noch Beliebigkeit optimal, sondern vielmehr ein sachgemäßer Methoden-Mix." Wie guter Unterricht funktionieren sollte, erklärte er anschaulich am 1. 4. 2010 in einem Interview in Focus Schule: "Schüler lernen am besten in einem niveauvollen, klar strukturierten Unterricht. Sie sollen sich mit Lerninhalten möglichst aktiv auseinandersetzen können. Dazu zählt das aufmerksame Anhören einer spannenden Lehrerdarbietung ebenso wie die konzentrierte, gut ausgewertete Mitarbeit in einem Gruppenpuzzle. Lernthemen sollten Schülern persönlich, fachlich oder im Hinblick auf einen späteren Beruf sinnvoll erscheinen. Ausschlagend für den Lernerfolg ist die emotionale Haltung des Lehrers: Ein ermutigender Habitus, herausfordernd und fehlerfreundlich, Verständnis für Lernschwierigkeiten – und gute Laune." |