Freitag, 9. Juli 2010

Noch 9 Tage: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Der Schulstreit in Hamburg eskaliert täglich weiter. Vor allem Hamburgs Politiker werden, so scheint es, im Endspurt zum Volksentscheid zunehmend nervös. Als "Störer" bezeichnete der frühere Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi die Hamburger Bürger, die sich gegen die Einführung der Primarschule einsetzen. Und mit immer heftigeren Vorwürfen gegen alle Hamburger Bürger, die anders denken als er und die keine Primarschule wollen, macht der jetzige Bürgermeister Ole von Beust immer neue Schlagzeilen.

Hintergrund für die zunehmende Schärfe im Schulstreit sind neue Umfrageergebnisse. Danach haben die Primarschulgegner einen leichten Vorsprung bei der Entscheidung für oder gegen die Einführung der Primarschule. Doch noch ist nichts entschieden. Wahlbriefe können noch weiter bis zum 14. Juli abgeschickt weden, bis zum 16. kann man in die 7 Bezirksämter zum Wählen gehen und am 18 Juli stehen dann auch die übrigen Wahllokale Hamburgs für die Wahl zum Volksentscheid offen.

Und noch immer sind viele Hamburger unsicher. Bringt die Verlängerung des gemeinsamen Lernens um zwei Jahre Vorteile für unsere Kinder, fragen sie? Christa Götsch und der schwarz-grüne Senat versprechen mit der Einführung der Primarschule vor allem mehr Chancengerechtigkeit. Doch eine Studie an der Uni Göttingen, die wir Ihnen zuletzt vorgestellt haben, ergab das Gegenteil. Zwei Jahre längeres gemeinsames Lernen in Kl. 5 und 6 bringt demnach sogar eine Verschlechterung der Chancengerechtigkeit.

Deshalb fragen wir noch einmal: Bringt die Primarschule mehr Chancengerechtigkeit?

Lesen Sie den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:


3. Kernaussage der Primarschulreformer:

Dazu Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband:
Dies behauptet die Bürgerschaft in der Wahlbroschüre, die allen Hamburger Wählern zum Volksentscheid zugeschickt wurde. Darin findet sich die "Die Stellungnahme der Bürgerschaft zu ihrer Vorlage", in der es heißt:

"Das Herzstück einer Schule mit Zukunft ist längeres gemeinsames Lernen. Eine bessere Schule für mehr Gerechtigkeit."

nachzulesen in:
Stellungnahme der Bürgerschaft,
zur Information hier auch die Stellungnahme von "Wir wollen lernen":
Stellungnahme der Initiatoren
Josef Kraus ist Gymnasiallehrer und Psychologe und seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Der Deutsche Lehrerverband ist die größte Lehrerorganisation in Deutschland außerhalb des DGB bzw. der GEW und vertritt etwa 160000 Lehrer.

"Bedauerlicherweise halten viele Politiker Gleich­macherei in durchsichtiger sozial­populistischer Manier für Gerechtigkeit. Schule muss aber den individuellen Förder­ansprüchen der Heranwachsenden gerecht werden und nicht irgendwelchen Quoten­vorgaben. Es kann nicht Aufgabe von Schule sein, egalisierende Sozial- oder Quotenpolitik zu betreiben. Gerecht ist nur eine Schule, die den Begabungen und dem Leistungsvermögen der Kinder gerecht wird. „Gerechtigkeit“ am Anteil der zehnjährigen Kinder aus Nicht-Akademiker­schichten am Gymnasium zu messen, ist absolut unzulässig und bewusst irreführend. Bildungs­biographien dauern oft bis weit über das 20. Lebensjahr hinaus. Dann erst kann man beurteilen, wer mit welchem familiären Hintergrund etwa zu einer Studie­rberechtigung gelangt ist. Dann wird man auch feststellen, dass rund die Hälfte aller Studier­berechtigten in Deutschland kein Gymnasium besucht hat, dass es also viele Wege des Durchstiegs gibt und unter den Nutznießern dieser anderen Wege Angehörige sogenannter schwächerer sozialer Schichten stark repräsentiert sind."