Donnerstag, 15. Juli 2010

Noch drei Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

1:2! Das ist der neueste Stand der Bürgermeistermeinungen im Hamburger Schulstreit. Der frühere Bürgermeister Henning Voscherau hat sich heute in klaren Worten gegen die Primarschulreform von Christa Götsch und Bürgermeister Ole von Beust ausgesprochen. Er widersprach damit auch seinem Altbürgermeister - Kollegen Klaus von Dohnanyi, der seit Wochen in den Medien für die Reformpläne wirbt, der Reformgegner als "Störer" bezeichnet und diese auch heute im Abendblatt wieder heftig attackiert hat.

Niemals dürfe das Staatsziel bestmöglicher Bildung für alle im Gegensatz gebracht werden zu dem individuellen Recht jedes Kindes auf seine bestmögliche Bildung, schrieb H. Voscherau heute im Hamburger Abendblatt. Der Staat habe nicht das Recht, sehr begabten Kindern durch zwei weitere Jahre "zu langsamen Lernens, durch "nervende" Wiederholung, Langeweile, Unterforderung"... nachhaltig zu schaden.

Voscherau beruft sich auf namhafte Wissenschaftler, die die Primarschulpläne kritisiert haben und plädiert dafür, die Bürgerinnen und Bürger, Eltern und Großeltern frei von abwertenden Unterstellungen, "Parolen und Manipulation selbst entscheiden zu lassen, welche Schule es geben soll".

Doch die Befürworter der Primarschule verweisen immer wieder darauf, dass die verlängerte Grundschule in fast allen Ländern Europas üblich und dort seit langem Standard sei. Dazu wird in diesem Blog nachgehakt. Was sagen Wissenschaftler, was haben internationale Vergleiche ergeben?

Lesen Sie den Faktencountdown zum Hamburger Volksentscheid:

6. Kernaussage der Primarschulreformer



Dies schreibt die Schulbehörde unter dem Titel: "Argumente für die Schulreform"

"Längeres gemeinsames Lernen ist in Europa Standard

Die frühe Trennung nach der 4. Klasse bzw. mit 10 Jahren findet in Europa nur in Deutschland und Österreich statt. Aber auch hier nicht überall: Neben Berlin hat auch Brandenburg eine sechsjährige Grundschule und in Österreich gehen zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler zusammen bis zur 8. Klasse zur Schule.

Die Länder der OCED trennen im Durchschnitt mit 14 Jahren. Die skandinavischen Länder und Spanien verteilen die Schülerschaft erst mit 16 Jahren auf unterschiedliche weiterführende Schulformen. In vielen anderen europäischen Ländern geschieht dies mit 14-15 Jahren. Die Benelux-Staaten trennen mit 12-13 Jahren, die Tschechische und die Slowakische Republik sowie Ungarn mit 11 Jahren."
Dazu der in diesem Blog schon früher erwähnte Begabungsforscher Prof. Kurt Heller:
Prof. Dr. Kurt A. Heller, Gründungs­direktor des LMU-Zentrums für Begabungs­forschung Universität (LMU) München,
in einem Vortrag in Hamburg vor vier Wochen sagte er:


"Gerade in Ländern mit staatlichen Gesamt­schulen präferieren viele Eltern „elitäre“ Privatschulen, wobei die Differenzierung bzw. Schul­lauf­bahn­entscheidung oft schon viel früher als in Deutsch­land getroffen werden muss. Pikanter­weise wird diese Option nicht selten von Kritikern gegliederter Schul­systeme für ihre eigenen Kinder bean­sprucht."
auch nachzulesen in "Brauchen wir eine Verlängerung der vierj­ährigen Grund­schule? Ideologische Irr­tümer und wissen­schaftliche Fakten" von Prof. em. Dr. Kurt A. Heller (LMU München):
Zur Erläuterung folgen hier Angaben über den Anteil von Privat­schulen in einer Reihe von OECD Ländern aus dem Jahre 2004
Niederlande:76,4 %
Belgien:56,5 %
Verein. Könbigreich:40,6 %
Spanien:30,4 %
Australien:29,7 %
Frankreich:21,3 %
Korea:16,9 %
Neuseeland:16,5 %
OECD Durchschnitt:15,1 %
Luxemburg:12,4 %
Dänemark:11,9 %
Östereich:7,7 %
Kanada:7,0 %
Deutschland:6,7 %
Schweden:6,0 %
Finnland:5,2 %
entnommen aus einer OECD Tabelle, zitiert im Aufsatz "Privatschulen in Deutschland" von Michael Hüther, Katholischen Schulstiftung Freiburg