Mittwoch, 14. Juli 2010

Noch fünf Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Viele Hamburger haben sich ausgerechnet: Heute war der letzte Tag, an dem man bei der Briefwahl noch sicher mit einem rechtzeitigen Eintreffen der Abstimmungsbriefe bei den Bezirksämtern rechnen konnte. Doch der Wahlkampf in den Medien und auf der Straße geht weiter. Bis zuletzt wird um jede Stimme geworben. Denn am Sonntag haben die Hamburger Gelegenheit, in 201 Wahllokalen persönlich wählen zu gehen. Erst dann, am 18. Juli um 18 Uhr schließen die Wahllokale, dann beginnt die Auszählung.

Die Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigte kann also noch immer entscheiden, welche Schule aus ihrer Sicht die bessere ist: Die vierjährige Grundschule oder die sechsjährige Primarschule.

Die Befürworter der Primarschule verweisen in ihren Begründungen immer wieder auf Schulen und Vergleichsdaten anderer Länder. In diesem Blog wird nachgehakt: Was haben die jüngsten Vergleiche zwischen verschiedenen Ländern ergeben? Und was sagen Experten, Wissenschaflter und Praktiker dazu?

Lesen Sie den Faktencountdown zum Hamburger Volksentscheid:


6. Kernaussage der Primarschulreformer

Dazu erklärte der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger:
 
Dies schreibt die Schulbehörde unter dem Titel: "Argumente für die Schulreform"
 

"Bei den Leistungen ihrer Schülerschaft schneiden viele Bundesländer deutlich besser ab als Hamburg. Bei den Bildungschancen jedoch sind sie international nur Durchschnitt. In Hamburg werden mit der Schulreform die Leistungen und die Chancen gleichermaßen erhöht."
 




nachzulesen in:
 
Argumente für die Schulreform
In ihren Informations­veranstaltungen beziehen sich die Primar­schul­befü­rworter immer wieder auf Pisa 2006. In dieser Pisa­untersuchung gab es es erstmals auch einen Vergleich zwischen Bundes­ländern zu der Frage, inwie­weit sich der Zusammen­hang zwischen sozialer Herkunft und Bildungs­erfolg, also die Bildungs­gerech­tigkeit in Deutsch­land in der Zeit zwischen Pisa 2000 und Pisa 2006 verändert hat?

“Ein Blick auf das einzige Bundes­land, das in diesem Zeit­raum eine verpflichtende sechs­jährige Grund­schule einge­führt hatte, Branden­burg, fördert Erstaunliches zutage. Nicht nur, dass sich in Branden­burg der Zusammen­hang zwischen sozialer Schicht und Bildung­serfolg ... im Berichts­zeitraum ’signifikant’ erhöht hat, auch in der Lese­kompetenz konnte eine ‘tendenzielle Zunahme der sozialen Unter­schiede’ festge­stellt werden. Das Autoren­team um Prof. Baumert stellt in dieser Vergleichs­untersuchung außerdem fest, dass sich deutsch­land­weit lediglich in Branden­burg der ‘Gymnasial­anteil für Schülerinnen und Schüler der oberen Dienst­klasse statistisch bedeutsam erhöht’ habe. In keinem Bundes­land mit vier­jähriger Grund­schule liegt außerdem die Gymnasial­beteiligung von Ober­schicht­kindern so hoch wie in Brande­nburg, nämlich bei 63 Prozent"

Die Chance eines Arbeiter­kindes im Vergleich zu Kindern aus der oberen Dienst­klasse, das Gymnasium zu besuchen, sei dagegen in Branden­burg besonders schlecht. Die soziale Chancen­gerech­tigkeit habe sich in den Jahren 2000 bis 2006 in einem "Negativ­rekord" verschlechtert, erklärte Meidunger. Er folgerte:

"....Auch wenn es sicher unzulässig ist, die Zunahme der Bildungs­ungerech­tigkeit in Branden­burg allein auf die längere Grund­schulzeit zu schieben, welche viele bildungs­interessierte Eltern offen­sichtlich dazu antreibt, sich noch intensiver um den Bildungs­erfolg ihrer Kinder zu kümmern, kann man doch fest­stellen, dass eine längere Grundschulzeit in Deutschland keinerlei positiven Effekte hinsichtlich mehr sozialer Chancen­gerech­tigkeit bzw. größerer Leistungs­stärke hat. Im Gegen­teil: Die soziale Schere geht weiter auf! Branden­burg mit seiner längeren Grund­schul­zeit ist das schwarze Schaf in Sachen Bildungs­gerech­tigkeit in Deutschland.”