Freitag, 16. Juli 2010

Noch zwei Tage bis zur Schließung der Wahllokale: Versprechen und Fakten zum Volksentscheid

Es war kein glücklicher Zeitpunkt für Ole von Beust, Christa Götsch und ihre Primarschulpläne. Ausgerechnet 2 Tage vor dem Volksentscheid wurde am Freitag bekannt: Die geplante Erhöhung der Kita Gebühren ist keine Lappalie, wie es nach früheren Kommentaren von Sozialsenator Wersich und Grünenfraktionschef Kerstan schien. Nicht 5 oder gar nur 3 Prozent, sondern sehr viel mehr Eltern müssen künftig den Höchstsatz zahlen: für 17 % in Bergedorf und sogar 29% der Eltern in Nord sind das fast 500 Euro monatlich, 100 Euro mehr als bisher.

"Während die millionenschwere Schulreform von Haushaltszwängen ungetrübt vorangetrieben wird, wird bei den Kleinen zugelangt", schrieb das Abendblat in seinem Kommentar unter dem Titel "politischen Offenbarungseid: Möglicherweise hat der Senat bei den Kita-Gebühren getrickst".

Für viele Eltern, die sich am Sonntag beim Volksentscheid entscheiden sollen, könnten die Kita Gebühren ein wichtiges Argument gegen die teure Einführung der Primarschule werden.

Die wichtigsten Argumente der Primarschulbefürworter, die aus ihrer Sicht für ihre Reform sprechen, wurden in diesem Blog in den letzten zwei Wochen vorgestellt. Punkt für Punkt wurde nachgehakt, mit Statements von Experten, Wissenschaftlern und Praktikerm zu den jeweiligen Argumenten der Reformer. Es zeigt sich: Die Begründung der Reformer beruht im wesentlichen auf zwei Kernargumenten. Um diese geht es heute.

Lesen Sie den Faktencountdown zur Hamburger Schulreform:

Die zwei Hauptargumente, mit denen Christa Götsch, die Bürgerschaft und der schwarz grüne Senat ihre Reform im Wesentlichen begründen, finden sich in ihren Broschüren und Informationstexten. Sie wurden auch bei den vielen Informationsveranstaltungen der Reformer in Variationen immer wieder vorgetragen:

"1. Längeres gemeinsames Lernen schafft bessere Entwicklungsmöglichkeiten

In Hamburg gehen die Kinder bisher nach der 4. Klasse auf die weiterführende Schule. Für viele ist das zu früh, um zeigen zu können, was in ihnen steckt. Durch die spätere Trennung nach der 6. Klasse können Schwächere zukünftig länger den fördernden Einfluss leistungsstärkerer Kinder nutzen. Die Stärkeren wiederum profitieren nachhaltig, indem sie andere durch Erklären oder in der Teamarbeit unterstützen. So bleibt das Gelernte dauerhaft erhalten, weil es genutzt wird. Ein weiterer Vorteil dieser gemischten Lerngruppen: Sie stärken die Fähigkeiten im sozialen Umgang miteinander."

2. Längeres gemeinsames Lernen ist in Europa Standard

Die frühe Trennung nach der 4. Klasse bzw. mit 10 Jahren findet in Europa nur in Deutschland und Österreich statt. ....Die Länder der OCED trennen im Durchschnitt mit 14 Jahren. Die skandinavischen Länder und Spanien verteilen die Schülerschaft erst mit 16 Jahren auf unterschiedliche weiterführende Schulformen. In vielen anderen europäischen Ländern geschieht dies mit 14-15 Jahren. Die Benelux-Staaten trennen mit 12-13 Jahren, die Tschechische und die Slowakische Republik sowie Ungarn mit 11 Jahren"


nachzulesen in:
Argumente für die Schulreform
1. Zum längeren gemeinsamen Lernen
2008 beschrieb der östereichische Pädagogikprofessor Helmut Fend in der ZEIT die überraschenden Ergebnisse einer von ihm ua. durchgeführten Studie zum längeren gemeinsamen Lernen:

Helmut Fend, Fred Berger, Urs Grob (Hrsg.): Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifE-Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 482 Seiten. ISBN 978-3-531-15352-0. 39,90 EUR.


"Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle. ..
Die größte Enttäuschung entsteht beim Blick auf die soziale Selektivität bei den verschiedenen Stufen des Bildungs- und Berufsweges. Sie wird durch Förderstufen oder Gesamtschulen nicht reduziert! Bei ehemaligen Kindern aus Gesamtschulen, Förderstufen und dem dreigliedrigen Bildungswesen bestimmt die soziale Herkunft gleichermaßen mit, welche Schulabschlüsse, Ausbildungen und Berufe sie erreichen."

2. Zu den europäischen Standards.

Die Gerechtigkeit eines Schulsystems, von Schulformen und Stufen muß also, so zeigt Fends Studie, auch nach seiner Wirkung auf Ausbildung und Beruf bewertet werden.
Die Primarschulbefürworter verweisen immer wieder auf die anderen Länder Europas, in denen länger gemeinsam gelernt werde, als in Deutschland. Sind diese Schulsystem auch gerechter in Hinblick auf Fends Studie, also in Hinblick auf die Wirkung auf Ausbildung und Beruf? In diesem Zusammenhang gibt es einen erstaunlichen Befund:

Die Jugendarbeitslosigkeit von jungen Leuten bis 25 Jahren ist in Deutschland eine der niedrigsten in Europa. Schweden dagegen, das von Frau Götsch in Hinblick auf Chancengerechtigkeit immer wieder als beispielhaft bezeichnet wird, gehört zu den europ. Ländern mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit:


Hier einige Beispiele zur Jugendarbeitslosigkeit(15-24J.incl, Mai 2010):
Niederlande:8,1 % 
Deutschland:9,4 %(zweitniedrigster Wert)
Östereich:9,5 % 
Dänemark:12,4 % 
Euroraum insg:19,9 % 
Finnland:22,2 % 
Frankreich:22,6 % 
Belgien:23,8 % 
Schweden:25,9 % 
Irland:26,4 % 
Spanien:40,5 % 
nachzulesen bei EUROSTAT - der Statistik-Service der Europäischen Union